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Genf, Opéra des Nations, Wozzeck von Alban Berg, besucht von Gabriela Bucher – Liechti

Opéra des Nations Wozzeck c Carole ParodiOpéra des Nations Wozzeck  Opera in 3 acts and 15 scenes by Alban Berg  Libretto based on the drama Woyzeck by Georg Büchner. First performed at the Staatsoper (Unter den Linden), Berlin on 14 December 1925.  Production Lyric Opera of Chicago

Rezension:

Als Alban Berg Büchners Drama Woyzeck auf der Bühne sah, war er tief beeindruckt und schrieb darauf seine Oper Wozzeck in 3 Akten mit 15 Szenen. Diese wurde 1925 in Berlin uraufgeführt und ist in diesen Tagen (noch am 6./8./10./12. und 14. März) im Grand Theatre de Genève in der Inszenierung des Schottischen Regisseurs David Mc Vicar  zu sehen.

Wozzeck ist ein Verlierer auf der ganzen Linie. Er wird herumkommandiert, missbraucht für medizinische Experimente, seine Lebensgefährtin Marie betrügt ihn, man trampelt auf ihm herum, schlägt ihn zusammen, führt ihn vor und zieht ihn im wahrsten Sinn des Wortes aus bis auf die Unterhosen. Er hat keine Chance in dieser Welt voller Egoisten, Neurotiker, Sadisten und aufgeplusterten Gockeln. Er, der durch und durch Mensch ist, geht zu Grunde, wird depressiv, verfällt dem Wahnsinn und tut schlussendlich, was er nicht mehr lassen kann: Er tötet seine Marie und geht danach selber ins Wasser. «Da ertrinkt einer», sagt der sich in der Nähe befindende Doktor zum Kapitän, dann gehen sie von dannen.

Dies in Kürze die Geschichte der Oper Wozzeck. Genf zeigt eine Wiederaufnahme der Inszenierung von Davic McVicar, ein wahrer Glücksfall, denn sie überfällt den Besucher nicht mit schrillen Figuren oder überladenen Bildern. Sie ist präzise und klar, lässt den Gefühlen und Stimmungen Platz und erlaubt es dem Zuhörer, sich voll auf die Musik zu konzentrieren. Man muss nicht kontinuierlich versuchen, Aussagen zu verstehen, die Bilder sind von einer unglaublich Dichte und verstehen sich von selbst.

In der Mitte der Bühne steht ein riesiges Kriegsdenkmal, wie ein Mahnfinger, darum herum spielen sich die 15 Szenen ab. Die vielen Bildwechsel geschehen durch zwei Vorhänge, welche von unsichtbaren Händen gezogen werden. Das erlaubt einen schnellen Wechsel von der Soldatenstube zu Maries Zimmer, von der Doktorstube zur Strasse. Einzig der Wechsel nach dem 3. Akt ist schleppend und so lautstark, dass man leider vorübergehend etwas aus dem Bann des Geschehens fällt.  Die verschiedenen Bilder sind in ihrer ganzen Trostlosigkeit aber grossartig; Maries karges Zimmer, die Doktorstube, mehr Folterkammer, mit dieser riesigen Lupe, die die Betroffenheit Wozzecks ins beinahe Unermesslich vergrössert. Mit Lichteffekten von weichem Sepia bis hin zu Grellweiss werden Stimmung und Dramatik atmosphärisch verstärkt.

Das ganze Ensemble überzeugt, allen voran Mark Stone als sehr glaubwürdiger Wozzeck, unverfälscht, menschlich, verzweifelt. Mit seinem expressiven Bariton beherrscht er alle Facetten der Rolle und wird allen Ansprüchen gesanglicher Art gerecht: Er brilliert genauso im Gesang wie im Sprechgesang und in der Deklamation. Die Mezzo-Sopranistin Jennifer Larmore als Marie bringt die ganze Bandbreite ihrer Gefühle zum Ausdruck, hin- und hergerissen zwischen Schuld, Leidenschaft und Angst. Wunderschön und berückend die Szenen zwischen ihr und ihrem kleinen Sohn. Einzig die Verführungsszene mit dem Tambourmajor (Charles Workman, Tenor) kommt nicht wirklich glaubhaft herüber, scheint gefühllos, kalt, beinahe unbeholfen. Zu erwähnen neben den ebenfalls sehr überzeugenden Tom Fox (Bariton) als Doktor und Stephan Rügamer (Tenor) als Kapitän ist auch Alexander Milev als Erster Lehrling mit seinem wunderschön sonoren Bass.

Das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Stefan Blunier begeistert sowohl in den sanften, expressiven Soli als auch in den getriebenen, explosiven, stürmischen Tutti. Leider werden aber dabei die Sänger ab und zu etwas übertönt. Ob es am – provisorischen – Saal liegt?

Alles in allem ist dieser Wozzeck eine sehr gelungene, eindrückliche und auch bedrückende Produktion und man verlässt die Oper mit Bildern, die einen nicht so schnell loslassen. Die Zuschauer spendeten langanhaltenden Applaus und Bravo-Rufe.

Text: www.gabrielabucher.ch  Fotos: Carole Parodi          www.geneveopera.ch

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